Kaffee ist Kultur und Alltagsgut. In der Ackerstraße findet man die richtige Adresse für einen meisterlich hergestellten Kaffee.

Text von Anja Angelov

 

Die Ackerstraße in Mitte ist eine der Verbindungsstraßen zwischen dem Ost- und Westteil der Stadt, durch deren Mitte die Berliner Mauer verlief.  Der quirlige Teil der Straße zwischen Torstraße und Bernauer Straße lag im Ostteil der Stadt und entwickelte sich, im Gegensatz zum westlichen Teil, nach der Wende erheblich weiter. Viele Häuser wurden renoviert und neu gebaut, Spielplätze saniert und neben den alteingesessenen Geschäften entstanden neue. Das hohe Kreativitätspotenzial und die Leidenschaft der hier lebenden Menschen zeigt sich gepaart mit betriebswirtschaftlicher Denke und Vernunft, eine Erfolg versprechende Mischung, die zu einer nicht uniformierten Geschäftslandschaft führt.

Auf der Such nach der gemütlichen Kaffeekultur

Eines dieser Geschäfte ist die Röststätte in der Ackerstraße 173. Deren Inhaber, Yvonne und Ivo Weller (Foto), kommen aus dem Gastronomiebereich und haben ihre Leidenschaft für guten Kaffee zum Beruf gemacht. Alles begann mit der Frage danach, warum es in Deutschland kaum noch guten Kaffee gibt. Und wo eigentlich die gemütliche Kaffeekultur hin ist. Jeder wolle heute immer nur “schnell, schnell, schnell irgendwohin”, sagt Ivo Weller. So machten sich die Eheleute Weller auf die Suche nach eben jener Kultur.

Ivo Weller ist ein Kaffeesommeliér, ein Gourmet, der die Röstungsstufe und die Bohnenherkunft seines Kaffees zu unterscheiden vermag und, nach eigener Aussage, in einem Restaurant am Kaffeeduft festmache, ob er dort welchen trinken wird oder nicht. Die Kaffeebohnen werden aus verschiedenen Ländern in seinen Laden roh geliefert und vor Ort in einem Trommelröster verarbeitet. Die unglaubliche Duftnote nach frischem Kaffee wird dabei in der Umgebung verströmt – eine Wirkung des Röstens und ganz nebenbei, fast ungewollt, das beste Marketing für das angeschlossene Café.

Von den Kaffeekirschen bis zur Röstung

Der Laden wirkt hell und freundlich, chromblitzende Maschinen mit Holzanteilen aller möglichen Bauarten stehen aufgereiht. Die Wände schmücken diverse Kaffeesorten, ordentlich beschriftet mit Herkunftsland und Aromarichtung. Ivo und Yvonne Weller kennen sich bestens aus mit den Herkunftsgebieten und den zu erwartenden Kaffeegenüssen. Sie kennen alle Vorgänge vom Reifen der Kaffeekirschen bis zur Röstung, beschreiben sie detailliert und zählen auf, was wo alles schiefgehen kann, bis sich der Geschmack im Gaumen der Kaffeetrinker entfaltet.

Fast versteht sich von selbst, dass sie Mitglied in der Deutschen Röstergilde, einem Zusammenschluss von Kaffeeröstereien nach Handwerkstradition, sind. Nicht selbstverständlich sind jedoch die kürzlich gewonnenen Preise in der Gilde. Die Röststätte erreichte nach Aussagen der Deutschen Röstergilde mit ihrem Espresso eine Gold- und mit dem Filterkaffee eine Silbermedaille „und das, obwohl wir das erste Mal unseren Kaffee dort zum Wettbewerb gestellt haben“, sagt Ivo Weller.

Das Alltagsglück eines guten Kaffees

Das Ziel sei es, eine Kaffeekultur  zu etablieren, die diesen Namen verdient habe und den Menschen zu zeigen, woher ihr Kaffee komme und mit welcher Sorgfalt er behandelt werden müsse. Darum würden demnächst Workshops angeboten. Vom professionellen Kaffeekoch, dem Barista, über Unternehmen bis zu Menschen, denen der Alltag manchmal zu hektisch wird und die sich ein Stück der Ruhe zurückholen wollen, werde jeder in die Planung einbezogen. Viele Menschen seien der Alltagshetzerei müde. Ein guter Kaffee kommt da gerade recht.

Kaffee sei ein Kulturgut und sollte nach Meinung der Wellers auch wieder als solches fungieren dürfen. Und es ist eine Kunst, einen guten Kaffee herzustellen. So stellt die Röststätte ein Stück alltagstaugliche Kunst her, die jeder erlernen kann. Und verbindet sie mit einer Oase der Besinnung, die jeder nutzen kann.

 

Quelle: Anja Angelov, Berliner Morgenpost 05.11.2012, Berlin – Mitte